Das Prinzip der Bewegungsökonomie

Einleitung


Es gibt bei allen Lebewesen eine allgemeine Tendenz, Energie zu sparen, Konflikte wenn möglich zu vermeiden und den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Wenn sie sich bewegen, versuchen sie es auf die angenehmste, bequemste Art und Weise zu tun, mit dem geringsten Kraft- und Energieaufwand (sie sind halt auch nur Menschen).


Wasser sucht das geringste Energieniveau, indem es bergab fließt, durch Öffnungen hindurch und um Hindernisse herum. Elektrizität sucht immer den Weg des geringsten Widerstandes. Es ist ein Naturgesetz, das man täglich in zahllosen Manifestationen beobachten kann.

 

Das Prinzip der Bewegungsökonomie


In der Pferdeausbildung nenne ich dies das Prinzip der Bewegungsökonomie: ein Pferd wird in der Regel diejenige Gangart, das Tempo, die Trittlänge und die Haltung wählen, die sich unter den gegenwärtigen Umständen am angenehmsten anfühlen.


Man kann beobachten, dass Pferde von sich aus in eine höhere Gangart wechseln, wenn die gegenwärtige Gangart zu anstrengend wird. Beispielsweise, wenn das Engagement der Rumpfmuskulatur und der Hinterhandmuskulatur im Schritt immer mehr zunimmt, wird irgendwann ein Punkt erreicht, an dem das Pferd diagonale Tritte anbieten wird, weil sie weniger Kraftaufwand erfordern als der 4-Takt des Schrittes. Wenn man die spezifischen Begleitumstände identifiziert hat, unter denen das Pferd dies anbietet, kann man es auf produktive Weise nützen, um das Pferd zu einem Trabübergang oder zu halben Tritten und Piaffetritten zu motivieren.


Es gibt mehrere typische Szenarien, in denen es wahrscheinlich ist, dass das Pferd im Schritt diagonale Tritte anbietet, wenn man das übertretende Hinterbein beschleunigt und das andere länger am Boden hält:

  • Schulterherein im Schritt, v.a. auf Zirkeln oder Volten
  • Renvers im Schritt, v.a. auf Zirkeln oder Volten
  • 2-3 Tritte ganzer “Travers” links und rechts ohne Anhalten
  • 90 Grad Vorhandwendung in der Bewegung
  • Passade im Schritt

Nimmt das Engagement der Rumpfmuskulatur und der Hinterhand des Pferdes im Trab immer mehr  zu, kommt ein Punkt, an dem manche Pferde den Galopp anbieten. Der Grund dafür liegt darin, dass die Lastübertragung auf die Hinterhand eine höhere Hankenbeugung erzeugt. Beim Einsprung in den Galopp hebt das äußere Hinterbein die Last hoch und öffnet seine Gelenke. Das Pferd empfindet dies als Erleichterung. Man kann diese Beobachtung ausnützen, um den Galopp vorzubereiten: Je mehr man das äußere Hinterbein im Schritt oder Trab beugt, desto freudiger wird das Pferd angaloppieren.


Der Vorteil dieser Strategie besteht darin, dass man das Pferd nicht mit dem Schenkel oder dem Sitz in die höhere Gangart zu treiben braucht, sondern dass man den Übergang mehr oder weniger nur erlauben und formend begleiten muss, da das Pferd den Übergang selbst machen möchte. Sollten starke Schenkelhilfen nötig sein, um das Pferd in die höhere Gangart zu treiben, wird man seine Oberschenkel- und Hüftmuskulatur verspannen oder mit den Waden klammern, was beim Pferd Widerstände und Muskelblockaden auslöst.

In Galopptraversalen und Galopp Pirouetten springen manche Pferde um, wenn das innere Hinterbein die Last mehr stützen muss, als ihm angenehm ist. Der fliegende Wechsel erlaubt dem  Pferd, das innere Hinterbein zu entlasten, indem er zum äußeren wird. Im Galopp ist das äußere Hinterbein das vermehrt schiebende und das innere das vermehrt tragende. Daher kann dem Pferd der fliegende Wechsel als gute Idee erscheinen, wenn das innere Hinterbein immer mehr tragen muss. Das Umspringen erlaubt dem alten inneren Hinterbein, seine Gelenke zu öffnen, weniger zu tragen und mehr zu schieben.


Das Prinzip dahinter ist sehr ähnlich wie beim Angaloppieren aus dem Trab. Das äußere Hinterbein hebt Pferd und Reiter in den Galopp und öffnet seine Gelenke etwas mehr, nachdem es sie während der Vorbereitung zum Galopp stärker gebeugt hatte. Im fliegenden Wechsel ist es das alte innere/neue äußere Hinterbein, das das Pferd in den neuen Galopp hebt. Wie man daraus sieht, ist der fliegende Wechsel dem Angaloppieren sehr ähnlich.


Belastet und beugt man das innere Hinterbein genug im Galopp, wird das Pferd anfangen, sich nach einem Ausweg umzusehen. Wenn man ihm in dieser Situation den fliegenden Wechsel anbietet, wird es unter Umständen dankbar dafür sein.


Dasselbe passiert, wenn man den gegenwärtigen Galopp biomechanisch immer unbequemer macht, indem man nicht nur das Gewicht vermehrt in das innere Hinterbein verlagert, sondern das Pferd zusätzlich leicht nach außen biegt. Dadurch entsteht eine gewisse Torsionsspannung im Pferdekörper, ähnlich wie bei einem Gummiband, bei dem man beide Enden gegeneinander verdreht. Wenn man das Gummiband losläßt, dann windet sich das Gummiband solange in die andere Richtung, bis die Spannung wieder abgebaut ist. Wenn man auf der rechten Hand galoppiert, das Gewicht in das rechte Hinterbein verlagert und das Pferd leicht nach links biegt, baut man diese Spannung auf. Läßt man zusätzlich die Pferdehüften etwas nach links weichen, wird es sich für das Pferd nahezu unmöglich, oder zumindest unlogisch anfühlen. Aber das Pferd weiss, dass diese Reiteranfragen viel logischer und leichter zu erfüllen wären, wenn es auf der linken Hand galoppieren würde. Viele Pferde zählen dann 2 und 2 zusammen und entscheiden sich dafür umzuspringen.

 

Zusammenfassung


Dies sind nur einige Beispiele dafür, wie man das Prinzip der Bewegungsökonomie in der Pferdeausbildung ausnützen kann. Wenn man dieses Prinzip einmal verstanden hat, sieht man immer mehr Gelegenheiten, bei denen man es anwenden kann. Es vergrößert die Koopertationsbereitschaft des Pferdes, da es die Lektion oder den Übergang, den man reiten will, als leichtere, energiesparende Alternative zu der Gangart oder Haltung erkennt, in der es sich gegenwärtig befindet. Daher wählt es freiwillig die neue Gangart oder Lektion. Da sie seine eigene Idee ist, gelingt die Ausführung in der Regel recht gut und das Pferd bleibt entspannt und arbeitet fröhlich mit. Win – win.