WAS? WIE? WARUM?

Was? Wie? Und Warum? sind die drei großen Fragen, die sich jeder Reiter dauernd stellt, die aber oft nur sehr schwer zu beantworten sein scheinen. Was soll ich tun? Wie soll ich es tun? Und warum soll ich es tun? Der Grund dafür, warum diese Informationen so schwer zu finden sind, liegt darin,  dass viele gute Reiter diese Entscheidungen rein aus dem Bauch heraus treffen ohne Den Entscheidungsprozess transparent machen zu können oder ihn erklären zu können. - Das war früher auch nicht wirklich ein Bestandteil des traditionellen Lehrparadigmas, da man sich im Unterricht sehr stark auf die Lehrpferde verließ. In den alten Reitschulen waren die Lehrpferde die hauptsächlichen Lehrmeister. Andererseits sind diese Entscheidungen oft nicht so einfach. Da wir heutzutage kaum je gut ausgebildete Grand Prix Pferde als Lehrpferde zur Verfügung haben,  müssen wir andere Wege finden.

Man kann diese Entscheidungsprozesse jedoch durch einige systematische Überlegungen eingrenzen, die etwas Licht ins Dunkel bringen.


WAS soll ich tun?

Ziele
Diese Frage kann durch das Ziel beantwortet werden, das man gerade verfolgt. Hierfür eignen sich nicht so sehr die großen, langfristigen Ziele (Ich will mein Pferd zum Grand Prix ausbilden), sondern eher die konkreten kurzfristigen Ziele. Ein solches kurzfristiges Ziel könnte beispielsweise die Verbesserung eines Übergangs sein. Wenn ein Pferd beim Antraben jedesmal über den Zügel kommt, könnte man dieses Problem durch Übungen verbessern. Oder wenn ein Pferd oft falsch angaloppiert, könnten Sie diesen Fehler durch gymnastische Übungen abstellen. Ein anderes mögliches Ziel wäre die Verbesserung der Traversale oder das Anpiaffieren. Wenn man eine Steifheit im Pferdekörper entdeckt, könnte man sich zum Ziel setzen, diese Steifheit zu beseitigen. Eine weitere Möglichkeit könnte sein, dass Sie beobachtet haben, dass Ihr Pferd ein schlechtes Körpergefühl oder ein schlechtes Balanciervermögen besitzt, sodass Sie diese Fertigkeiten erst verbessern müssen, bevor es sinnvoll ist, schwierigere Lektionen in Angriff zu nehmen. Es kommt auch vor, dass man an einem bestimmten Thema arbeitet und das Pferd ein anderes Thema “vorschlägt”, indem es angaloppiert, oder ein paar Piaffetritte oder einen fliegenden Wechsel anbietet. Sie könnten dann Ihren ursprünglichen Plan ändern und diesen Gedankengang ein Stück weit gemeinsam mit dem Pferd verfolgen, um herauszufinden, wohin er führt.

Diese konkreten Einzelziele können in bestimmten systematischen Gruppen zusammengefasst werden:

  • Lösung eines spezifischen Problems
  • Eine bestimmte Fertigkeit beibringen oder verbessern (Körpergefühl, Koordination, Balance)
  • Eine bestimmte Lektion beibringen oder verbessern
  • Einen bestimmten Körperteil mobilisieren
  • Einen Gedankengang verfolgen


Diese Liste ist relativ spontan zusammengestellt und kann natürlich erweitert und verändert werden. Der Vorteil solcher Listen besteht darin, dass man sich angewöhnt systematisch und funktional zu denken.
 

Jede Übung, jede Lektion, jede Wendung und jede Übung hat eine bestimmte Funktion innerhalb des Systems und übt eine bestimmte Wirkung auf Gang und Haltung des Pferdes aus.


Denkt man über die Funktion und die gymnastische Wirkung einer Lektion, einer Wendung oder eines Übergangs nach und analysiert diese, vertieft sich das Verständnis der Zusammenhänge beträchtlich.

Es gibt zu jedem Zeitpunkt viele verschiedene Dinge, an denen man sinnvoll arbeiten kann. Eine systematische, funktionale Methode hilft dabei, sinnvolle Ziele zu identifizieren und auszuwählen,  da das Verständnis der systematischen Zusammenhänge es ermöglicht, die richtigen Fragen zu stellen. Gute Fragen führen zu guten Antworten. Wenn wir die richtigen Fragen stellen, werden uns die Antworten in eine produktive Richtung führen.


WIE soll ich es tun?

Reitlehre
Die Reitlehre beschreibt, wie wir sitzen und einwirken sollen, um eine bestimmte Veränderung in Gang und Haltung des Pferdes herbeizuführen, eine Wendung, einen Übergang, oder eine Lektion zu reiten.
 

Man sollte jedoch die Hilfen, die in den Reitlehren beschrieben sind, als sehr verallgemeinerte Muster ansehen, die man in vielen Fällen nicht genauso anwenden kann, wie man sie gelernt hat, sondern, die man an jede einzelne Situation anpassen und gegebenenfalls abändern muss.


Es gibt auch hier bestimmte Leitfragen, die uns zu den richtigen Antworten führen werden.Um die Frage zu beantworten: Wie soll ich sitzen und einwirken oder welche Übung soll ich auswählen, um mein Ziel zu erreichen? kann gefunden werden, indem man Teilfragen zu bestimmten Details stellt:

  • Mit welchem Pferdebein möchte ich mich unterhalten? Vorderbein? Hinterbein? Inneres Bein? Äußeres Bein?
  • Was will ich damit tun? Die Bewegungsrichtung ändern? Mehr belasten? Entlasten?
  • Welche Übung könnte passen?
  • Welche Hilfenkombination könnte passen?
  • Welche Beckenposition des Reiters passt?
  • Welche Gewichtsverteilung passt?
  • Was ist der richtige Moment in der Fußfolge für die Hilfe? Stützphase? Schubphase? Flugphase?

Diese und andere sehr spezifische Teilfragen leiten uns in unserem Entscheidungsprozess bei der Auswahl der richtigen technischen Mittel.

Hier muss man die starren traditionellen Vorstellungen überwinden, die ein bestimmtes ideologisches Schema über die Bedürfnisse des Pferdes und die Anforderungen der Situation stellt. Diese altbekannten Regeln haben ihren Ursprung im Militär, wo die Ausbilder den Reitern weder eine besonders hohe Intelligenz noch eine große Lernfähigkeit zutrauten. Sie gingen davon aus, dass die Pferde korrekt ausgebildet waren und dass sowohl Pferde als auch Reiter symmetrisch waren. Daher sind diese Regeln auch sehr vereinfacht und verallgemeinernd. Die Realität ist allerdings viel komplexer. Es ist äußerst wichtig zu beobachten, wie das Pferd sich verhält und wie es auf den Sitz und die Hilfen reagiert, sodass man sie an die individuelle Situation anpassen kann.


WARUM soll ich es tun?

Biomechanik
Die Gründe für die Wahl der konkreten Hilfen und Übungen zur Erreichung eines Ziels entstammen der Physik und der Pferdepsychologie. Die Biomechanik erklärt den Zusammenhang zwischen Ursachen und Wirkungen, sowie die diagnostischen und therapeutischen Eigenschaften von Übungen, Lektionen und Hufschlagfiguren. Eine funktionelle Kenntnis der Pferdeanatomie hilft dem Reiter zu verstehen, wie die verschiedenen Körperteile zusammen arbeiten und sich gegenseitig beeinflussen. Das hilft dabei, die Oberflächensymptome (über dem Zügel oder eingerollt, keine Biegung, kein Übertreten, fliegender Wechsel nicht durchgesprungen, etc.) zu ihren Ursprüngen zurückzuverfolgen.

Sobald man die Ursache für ein Symptom identifiziert hat, kann man gymnastische Übungen entwerfen, die diese Ursache beseitigen, wodurch das Oberflächensymptom ebenfalls verschwindet. Sehr oft werden Sie feststellen, dass ein und dieselbe Ursache mehrere Symptome verursacht undplötzlich andere Probleme ebenfalls verschwunden sind.

Für viele Reiter ist es anfangs nur schwer verständlich, dass die Ursache eines Oberflächensymptoms am entgegengesetzten Ende des Körpers zu finden sein kann. So kann beispielsweise die Anlehnung schlecht sein, weil die Hinterbeine nicht genug untertreten und sich nicht genug unter der Last beugen. Oder ein Pferd reagiert nicht gut auf die treibenden Hilfen aufgrund einer Muskelblockade im Hals oder der Ganasche, die den Energiefluß behindert oder sogar blockiert.

Bei der Suche nach den Zusammenhängen zwischen Ursachen und Wirkungen können Sie sich ebenfalls mit bestimmten Fragestellungen helfen, um die Optionen einzugrenzen:

  • Welche Anforderungen stellt die Aufgabe an das Pferd?
  • Welche Voraussetzungen sollte das Pferd erfüllen, bevor es die gegenwärtige Aufgabe bewältigen kann?
  • Welche mechanischen Komponenten sind in der Übung enthalten?
  • Welches Pferdebein bewegt sich wie und wohin in dieser Übung?
  • Welches Pferdebein muss während der entscheidenden Augenblicke die Hauptlast stützen?
  • Was hindert das Pferd an der Ausführung der Übung?


Mit Hilfe dieser Überlegungen und geeigneter Fragen können Sie die Ursachen von Problemen ermitteln, indem Sie eine Arbeitshypothese aufstellen, die Sie mit bestimmten Übungen testen. Anschließend beobachten Sie genau das Ergebnis und analysieren es. Jede Übung liefert uns neue wichtige Informationen, die uns helfen, eine Lösung zu finden.


Würden Sie gerne tiefer in die Materie eindringen und mehr über das Was, Wie und Warum lernen? Machen Sie mit bei unserem Was, Wie, Warum Online Kurs. Aber zögern Sie nicht. Die Anmeldefrist verstreicht am 16. November.