Läßt Ihr Perfektionismus Sie schlecht reiten?

Diese Woche möchte ich ein paar Gedanken zu einem Thema mit Ihnen teilen, das viele Dressurreiter nur zu gut kennen und mit dem viele von uns sich identifizieren: Perfektionismus. Er wird Schülern oft schon von Anfang an eingeimpft und wird vorgelebt von Lehrern und reiterlichen Vorbildern. Viele Dressurreiter sind sogar stolz auf ihren Perfektionismus.

Allerdings ist Perfektionismus ein zweischneidiges Schwert. Er kann manche zu Höchstleistungen bringen, während er anderen viel Schmerz und Frustration verursacht.

Perfektionismus kann sich äußern als sorgfältige Aufmerksamkeit im Detail, ständiges Bemühen um Selbstverbesserung, Verfeinerung der handwerklichen Grundlagen, das stete Bemühen, die kleinen, elementaren Dinge richtig zu machen. Jedes Mal. In dieser Variante hat er etwas Zen-artiges, ein Leben im Augenblick, die Aufmerksamkeit auf das, was gerade geschieht, was wir tun, was unser Pferd tut, die Beobachtung der Beziehung zwischen unserem Handeln und den Reaktionen des Pferdes, um dazu zu lernen, unser Verständnis und unser Können zu vertiefen.

Auf der anderen Seite kann Perfektionismus sich auch in unerfüllbar hohen Erwartungen und Ansprüchen an uns und unser Pferd äußern: “Ich will PERFEKTION! SOFORT!” Und wenn unsere Bemühungen und die unseres Pferdes unweigerlich hinter den überhöhten Erwartungen zurück bleiben, fühlen wir uns besiegt, entmutigt, vielleicht gedemütigt, frustriert, wütend, traurig und hoffnungslos.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Beschreibungen liegt in der Einstellung gegenüber der Perfektion, dem Mindset, mit dem die Reiterin an Perfektion herangeht. Im ersten Beispiel versteht die Reiterin Perfektion als Langzeitziel, das vielleicht gar nicht erreichbar ist, aber das unserem Streben eine Richtung gibt und wir versuchen, uns diesem Ziel in kleinen und kleinsten Schritten zu nähern. Wir genießen die Reise, den Entdeckungsprozess und wir freuen uns über jeden kleinen Fortschritt. Unsere Arbeit und die kleinen Siege, die wir unterwegs erringen, vermittelt uns ein gutes Gefühl. Die Reise ist wichtiger als das Ziel.

Im zweiten Beispiel ist das Ziel definitiv wichtiger als die Reise. Wir wünschten, wir könnten “vorspulen” und “schon da” sein. Wir messen jeden Versuch, den wir machen und jeden Versuch, den das Pferd macht, am perfekten Ergebnis und sind dann enttäuscht, wenn wir es nicht erreichen. Wir sehen nicht die kleinen, allmählichen Verbesserungen, oder wir schätzen sie nicht. Vielleicht unterteilen wir noch nicht einmal schwierige oder komplexe Aufgaben in kleinere Lernschritte, weil wir glauben, dass wir oder das Pferd “das jetzt eigentlich schon können müsste”. Wir interpretieren jeden neuen Fehler als Beweis dafür, dass wir kein Talent haben und hoffnungslos sind, weil uns immer gesagt wurde, dass man mit Talent und “Gefühl” geboren sein muss. Sonst wird man nie ein guter Reiter werden.

Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen sind diese beiden sehr unterschiedlichen Einstellungen gegenüber Lernen, Leistung, Bemühung und Talent definiert worden als das sogenannte “Growth Mindset” (erste Beschreibung) auf der einen Seite und das sogenannte “Fixed Mindset” auf der anderen (zweite Beschreibung).

Die führende Forscherin auf diesem Gebiet ist Carol Dweck, Psychologie Professorin an der Stanford University (Buch: “Mindset: The New Psychology Of Success”). Sie gibt die folgende Definition (Vortrag zum Perfektionismus): “Menschen mit einem Fixed Mindset glauben, dass ihre grundlegenden Eigenschaften unveränderlich festgelegt sind. Die Talente, Fähigkeiten und persönlichen Eigenschaften, die sie jetzt besitzen, sind alles, was sie je haben werden. Daher fragen sie sich ständig: ‘Ist das, was ich habe, genug? Ist es genug, um bewundert zu werden? Ist es genug, um geachtet zu werden?’”
“Andere Menschen dagegen haben ein Growth Mindset. Sie glauben, dass ihre grundlegenden Talente, Fähigkeiten und persönlichen Eigenschaften entwickelt werden können durch Bemühen, Lernen und Unterweisung durch andere. Was sie jetzt besitzen, ist nur der Ausgangspunkt. Sie glauben zwar nicht unbedingt, dass alle gleich sind oder dass jeder zu einem Einstein werden kann. Aber sie glauben, dass jeder sich verbessern und entwickeln kann.”

In meiner Jugend hatten meine Eltern und meine Universitätsprofessoren ein Growth Mindset. Während meines Grundstudiums sagte einer meiner Professoren in einem Gespräch mit den Studenten: “Es gibt nichts, was man nicht lernen kann.” Und ich habe sofort gedacht: “- außer Reiten. Zum Reiten gehört Talent,” da mir dieser Glaube durch die deutsche Reitkultur eingeimpft worden war. In der Reiterwelt scheint das Fixed Mindset zu dominieren, was wahrscheinlich einer der Gründe dafür ist, dass so viele Reiter auf einem niedrigen Niveau stecken bleiben. Ihnen wird immer gesagt, dass sie kein Talent haben und dass sie es nie zu etwas bringen werden. Daher interpretieren sie jedes Hindernis als Beweis dafür, dass sie kein Talent besitzen und kein guter Reiter werden können. Viele resignieren und hören auf, an sich zu arbeiten und sich zu bemühen, wenn sie auf Schwierigkeiten stoßen.

Reiter mit einem Growth Mindset machen sich dagegen an die Arbeit, eine Lösung zu finden, wenn sie einen Rückschlag erleiden oder auf ein Hindernis treffen, weil sie nie daran zweifeln, dass es ihnen gelingen wird. Sie haben Vertrauen in sich selbst und in ihre Fähigkeiten, und sie glauben fest daran, dass alles “rauskriegbar” (“figure-out-able”) ist, wie Business Coach Marie Forleo sagt. Sie sehen Probleme und Fehler als Herausforderungen an, die zu überwinden sind und es ist nur eine Frage der Zeit und der Beharrlichkeit, bis sie überwunden sind.

Der Fixed Mindset Perfektionismus basiert auf Angst und stellt das Ergebnis in den Mittelpunkt. Er kann zu Prokrastination, Depression, Angstzuständen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Unglücklichsein und Gefühlen der Wertlosigkeit führen und Beziehungen zerstören. Menschen mit einem Fixed Mindset neigen dazu, sich ständig im Wettbewerb mit anderen zu sehen und zu versuchen, ständig besser dazustehen als alle anderen. Sie suchen die Schuld immer außerhalb, nie bei sich selbst, und fühlen sich durch den Erfolg von anderen bedroht. Sie fühlen sich wertlos und inkompetent, wenn sie auf Schwierigkeiten stoßen. Die Forschung zeigt auch, dass sie vor ihren Fehlern weglaufen und sie zu vertuschen versuchen, anstatt sie zu studieren und von ihnen zu lernen. Die Angst davor Fehler zu machen, die Angst davor, in den Augen von anderen schlecht auszusehen, die Angst davor sich wertlos zu fühlen, verhindert das Lernen und Wachsen.

Der Growth Mindset Perfektionismus ist hingegen prozessorientiert. Er stellt die Reise in den Vordergrund, nicht das Ziel. Er sieht das Lernen und das Streben nach Exzellenz als etwas, das Freude bringt und glücklich macht. Menschen mit einem Growth Mindset fühlen sich eher durch den Erfolg von anderen inspiriert. Sie empfinden Fehler als Lerngelegenheiten. Die Hirnforschung zeigt, dass sie Fehler analysieren, korrigieren und von ihnen lernen.

Viele von uns kennen wahrscheinlich beide Mindsets aus eigener Erfahrung. In manchen Gebieten unseres Lebens haben wir ein Growth Mindset, während wir bei anderen Themen eher ein Fixed Mindset haben, zum Teil in Abhängigkeit von unserer Erziehung und kulturellen Umgebung. Ich selbst wuchs mit einem Growth Mindset in Sachen Wissenschaft und Bildung auf, aber es war nicht immer leicht, dieses Mindset völlig auf meine reiterliche Ausbildung zu übertragen, da meine kulturelle Umgebung dort eher ein Fixed Mindset verkörperte.

Sollten Sie also Anzeichen bei sich entdecken, dass Sie eine Situation mit einem Fixed Mindsetangehen, da Sie ein Gefühl der Wertlosigkeit, Erniedrigung, Hoffnungslosigkeit empfinden, sowie Angst vor Fehlern und Angst davor, in den Augen anderer schlecht auszusehen, versuchen Sie sich daran zu erinnern, dass Perfektion ein unerreichbares Ziel ist und dass Perfektion auch nicht wirklich wichtig ist.

Es ist viel wichtiger, dass man aus jeder Erfahrung etwas lernt. Fehler, Rückschläge und Hindernisse sind Gelegenheiten um zu lernen und zu wachsen. Analysieren Sie sie und versuchen Sie zu verstehen, was passiert ist, wie es passiert ist und warum es passiert ist. Darauf aufbauend können Sie dann Ihren nächsten Schritt in Richtung Verbesserung planen oder eine Wiederholung desselben Fehlers verhindern.

Haben Sie den Mut, Fehler zu machen. Haben Sie den Mut “unvollkommen” zu handeln, wie Darren Rowse von www.problogger.com es nennt, da “unvollkommene” Handlungen die einzigen sind, die es gibt. Dann untersuchen Sie, wie Sie Ihr “unvollkommenes” Handeln das nächste Mal verbessern können. Auf diese Weise werden Sie Ihre Wissensbasis erweitern, sowie Ihr Können und Ihre Erfahrung vertiefen. - Und Sie haben mehr Spass dabei.