Wozu Geraderichten?

051blog Wozu Geraderichten_.png

 

Wozu Geraderichten?

“Der Reiter verbringt sein ganzes Leben damit, diesen Fehler durch die Vervollkommnung seiner Kunst zu beseitigen.”
Jacques d’Auvergne (1729-1798) über die Bekämpfung der natürlichen Schiefe


Sie sind sicherlich alle vertraut mit dem Begriff der Geraderichtung als eines der Elemente der deutschen Skala der Ausbildung. Diejenigen, die in der französischen Tradition beheimatet sind, kennen sie als eine von Alexis L’Hotte’s drei Hauptprinzipien der Pferdeausbildung (Gelassen, Vorwärts, Gerade).

Es ist Ihnen sicherlich auch das Gegenteil der Geraderichtung begegnet - die natürliche Schiefe - ein schwieriges und hartnäckiges Problem.

Aber hat Ihnen schon jemand erklärt, was Geraderichten bedeutet und warum sie wichtig ist? Warum sollten Sie Ihr ganzes Reiterleben damit zubringen, die natürliche Schiefe des Pferdes zu bekämpfen, wie Jacques d’Auvergne schrieb? Können wir nicht einfach Spaß haben mit unserem Pferd?

Ja, wir können uns einfach auf unser Pferd setzen und herumreiten, ohne uns um die Geraderichtung zu kümmern. Allerdings werden die negativen Folgen der natürlichen Schiefe unseren Spaß sehr stark einschränken, von den gesundheitlichen Folgen der Schiefe ganz zu schweigen.

Aber warum hat die Schiefe negative Auswirkungen auf die Leistung, die Rittigkeit und die Gesundheit des Pferdes? Sie lässt sich vergleichen mit einem Auto, dessen Chassis nach einem Unfall verzogen ist oder dessen Räder nicht richtig ausgerichtet sind. Ist die Abweichung groß genug, wird das Auto sich nicht gut lenken lassen, es wird ständig in eine Richtung ziehen, vor allem beim Bremsen und die Reifen werden sich unterschiedlich stark abfahren.

Auf einem schiefen Pferd kann man ganz ähnliche Beobachtungen machen:

  • Es wird seine Wendungen auf seine sogenannte steife (konvexe) Seite hin kleiner als geplant und auf seine sogenannte hohle (konkave) Seite hin größer als geplant ausführen.
  • Es wird zu seiner steifen Seite hin vom Kurs abweichen.
  • Es wird entweder schief anhalten oder das Hinterbein der steifen Seite nach hinten heraus stellen. Es wird sich nur schwer in Richtung steife Seite biegen lassen.
  • Es wird unter Umständen auf der steifen Seite nur schwer galoppieren können.
  • Es wird das Übertreten mit dem Hinterfuss der hohlen Seite beschwerlich finden.
  • Es wird sich auf den Zügel der steifen Seite aufstützen, während es sich hinter dem Zügel der hohlen Seite verkriecht.
  • Es wird die Beine der steifen Seite übermäßig belasten, sodass sie anfällig sind für repetitive Belastungsverletzungen wie Spat, Schale und Sehnenverletzungen sind.

Dies ist nur eine Auswahl der Symptome der natürlichen Schiefe, die durch die fehlerhafte Ausrichtung der Pferdebeine verursacht werden. Alle diese Probleme haben ihren Ursprung darin, dass das Hinterbein der sogenannten hohlen Seite nicht unter den Schwerpunkt tritt, sondern neben dem Körper auffußt. Das bedeutet, dass es die Körperlast weder richtig trägt noch weiter befördert, wodurch eine Kettenreaktion im ganzen Pferdekörper ausgelöst wird.

Eine der gravierendsten Folgen davon ist, dass die diagonale Schulter überlastet wird. Dies löst einen Gleichgewichtsverlust aus, der wiederum dazu führt, dass das Pferd den Zügel der steiferen Seite als Stütze benützt und sich dauerhaft in Richtung hohle Seite biegt. Mit anderen Worten, das Pferd trägt zu viel Gewicht auf der Vorhand und auf der sogenannten steiferen Körperseite, wodurch das überlastete Beinpaar stärker angegriffen und abgenützt wird.

Jedes Ungleichgewicht führt auch zu Muskelblockaden in dem Versuch, ein Umfallen zu verhindern. Losgelassenheit und Geschmeidigkeit sind nur möglich, wenn das Pferd ausbalanciert ist. Und Gleichgewicht ist wiederum unerreichbar, solange das Pferd schief ist.

Wenn sich das Pferd mit seiner Muskulatur gegen den Boden und gegen den Reiter stemmt, um nicht umzufallen, werden seine Gänge unbequem zu sitzen sein, weil die Gelenke seiner Hinterbeine sich nicht elastisch beugen und strecken. Dies erzeugt einen steifen Rücken und harte Gänge: Der Rücken schwingt nicht und nimmt die Reiterin nicht mit in die Bewegung.

Die Anlehnung wird nicht leicht, stet und gleichmäßig sein, solange das Pferd unausbalanciert ist. Sie wird auf der steifen Seite deutlich schwerer oder härter sein als auf der hohlen. Auf der steifen Seite wird es schwierig sein, eine Verbindung mit dem äußeren Zügel herzustellen.

Sind die Hüften und Schultern des Pferdes aufgrund der Schiefe nicht richtig auf die Linie ausgerichtet, kann sich das Pferd auch nicht richtig biegen, was sich wiederum negativ auf die Durchlässigkeit, Geschmeidigkeit, Anlehnung, Schwung und Versammlung auswirkt.

Sich verhalten und hinter den Hilfen verkriechen führt oft zum Scheuen und zu gefährlichem Verhalten wie Bocken, Steigen und Durchgehen, weshalb viele alte klassische Autoren erwähnen, dass die Schiefe die Tür zu gefährlichem Ungehorsam öffnen kann.

Wenn nur ein Hinterbein unter den Schwerpunkt tritt, können die Hanken nicht all ihre Energie auf den Schwerpunkt wirken lassen: im besten Fall wird das Pferd nicht seinen vollen Schwung entwickeln. Schlimmstenfalls wird es hinter die Hilfen kommen.

Ein schiefes Pferd wird sich auch nicht richtig versammeln lassen, das Versammlung nicht einfach gleichbedeutend mit langsamen Tritten oder kurzen Tritten ist. Vielmehr entsteht sie aus Geraderichtung, Gleichgewicht, Geschmeidigkeit und Schwung.

Schaut man sich nun also die deutsche Skala der Ausbildung an, die aus Takt/Tempo, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten und Versammlung besteht, so stellt man fest, dass vier der sechs Elemente (Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung und Versammlung) direkt von der Geraderichtung abhängig sind. Und sogar die Reinheit des Taktes kann durch einen Mangel an Geraderichtung beeinträchtigt werden. Ein schiefes Pferd kann sich so untaktmäßig bewegen, dass es lahm erscheint.

So stellt sich bei genauerer Betrachtung heraus, dass die Geraderichtung die Grundlage für alle anderen Elemente bildet. Sie ist eigentlich die Basis der Skala der Ausbildung und sollte nicht gegen Ende der Skala sondern ganz am Anfang genannt werden, gemeinsam mit dem Takt. Geraderichtung und Takt/Tempo erlauben es dem Pferd seine seitliche und longitudinale Balance zu finden. Die Balance ermöglicht es dem Pferd ihrerseits sich loszulassen, durchlässig zu werden, eine leichte, stete und gleichmäßige Anlehnung zu finden, sich korrekt zu biegen, sowie Schwung und Versammlung zu entwickeln.

Dies scheinen mir recht überzeugende Gründe zu sein, die Geraderichtung gründlich zu studieren und zu versuchen sie täglich zu verbessern, da Sie und Ihr Pferd sonst einen hohen Preis für die natürliche Schiefe bezahlen und andererseits die Belohnung für Geraderichtung den Aufwand an Zeit und Mühe mehr als ausgleichen.