Folgen der natürlichen Schiefe

Folgen der natürlichen Schiefe.png

In einem unserer Kurse fragte eine Teilnehmerin nach möglichen Strategien zur Bekämpfung der natürlichen Schiefe. Sie wollte wissen welche Übungen sie speziell auf der hohlen und der steifen Seite reiten sollte. Es gibt leider keine einfache, allgemein gültige Antwort auf diese Frage, da die Schiefe zu einem Ungleichgewicht auf mehreren verschiedenen Ebenen führt, wie beispielsweise:

  • der seitlichen Balance

  • der Balance zwischen Vorhand und Hinterhand

  • dem Unterschied der Muskelkraft zwischen dem linken und rechten Hinterbein

  • dem Kraftunterschied zwischen den Beugemuskeln (Tragkraft) und den Streckmuskeln (Schubkraft) in jedem einzelnen Hinterbein

  • dem Unterschied der Trittlänge zwischen dem rechten und linken Hinterbein

  • dem Unterschied in der Körperwahrnehmung und Koordination zwischen der linken und rechten Körperseite

  • dem Unterschied an Geschmeidigkeit der Muskeln auf beiden Körperseiten

  • dem Unterschied an seitlicher Beweglichkeit der Schultern

  • dem Unterschied an seitlicher Beweglichkeit der Hinterhand

  • dem Unterschied an seitlicher Beweglichkeit der Wirbelsäule

Daher muss man eventuell dieselben Übungen auf beiden Händen reiten, aber aus unterschiedlichen Gründen oder um eine andere Problemstellung zu behandeln.

Die Beine der steifen/konvexen Seite stützen einen größeren Lastanteil als die Beine der hohlen/konkaven Seite.

Das Vorderbein der steifen Seite trägt den größten Lastanteil.

Das Hinterbein der hohlen Seite trägt den kleinsten Lastanteil.

Das Hinterbein der steifen Seite schiebt mehr, aber es trägt nicht genug, da es dazu neigt, hinter dem Körper zurück zu bleiben und nicht genug unter die Last zu treten. Seine Streckmuskulatur ist stärker als ausgebildet als seine Beugemuskulatur.

Das Hinterbein der hohlen Seite beugt sich nicht wirklich unter der Last, aber es schiebt auch nicht wirklich, da es dazu neigt, seitlich neben dem Körper herzulaufen.

Das Hinterbein der steifen Seite neigt dazu, sich langsamer zu bewegen und kürzere Tritte zu machen, da das Hinterbein der hohlen Seite nicht lange genug am Boden bleibt, was das Hinterbein der steifen Seite dazu zwingt, zu früh aufzufußen.

Beide Hinterbeine müssen gekräftigt und geschmeidiger gemacht werden. Dazu ist es erforderlich, beide Hinterbeine zuerst unter den Körper zu bringen, da das Hinterbein der steifen Seite zu weit hinter dem Körper bleibt und das Hinterbein der hohlen Seite neben dem Körper herläuft. Nur wenn beide Hinterbeine unter den Schwerpunkt treten, kann man die Körpermasse verwenden um sie zu kräftigen und vertikal geschmeidig zu machen.

Tritt das Hinterbein der steifen Seite unter den Körper, kann man seine Beugemuskeln durch Übergänge in niedrigere Gangarten, halbe und ganze Paraden und Wendungen geschmeidig machen.

Tritt das Hinterbein der hohlen Seite unter den Körper, kann man seine Streckmuskeln durch das Verlängern der Tritte, ein kräftigeres Schieben, sowie Übergänge in höhere Gangarten kräftigen. Seine Beugemuskulatur wird durch Übergänge in niedrigere Gangarten, halbe und ganze Paraden und Wendungen gekräftigt.

Die seitliche Beweglichkeit muss ebenfalls in beide Richtungen gleichmäßig entwickelt werden.

Die Schultern neigen dazu, in Richtung steifere Seite abzuweichen. Dadurch sind Wendungen in die entgegengesetzte Richtung oft schwieriger.

Die Hinterhand neigt dazu, in Richtung hohle Seite auszuweichen. Deshalb ist es oft schwieriger die Kruppe auf die entgegengesetzte Seite weichen zu lassen.

Die Wirbelsäule biegt sich meistens besser in Richtung hohle Seite, da das Hauptgewicht in der Regel auf den Beinen der steifen Seite ruht. Deshalb ist es oft schwierig oder sogar unmöglich, auf der steifen/konvexen Seite eine gute Biegung zu erzielen. Und dies wird erst dann besser, wenn das Pferd lernt, dass es auf der hohlen/konkaven Seite ebenfalls zwei völlig gesunde Beine besitzt, die in der Lage sind, die Körpermasse zu stützen. Sobald es den Beinen der hohlen Seite zutraut die Last zu stützen, kann es anfangen sich auch auf der steifen Seite zu biegen.

Mit anderen Worten, um das Pferd gerade zu richten, müssen wir ihm beibringen, seine Schultern genauso leicht in Richtung hohle Seite zu wenden wie in Richtung steife Seite.

Wir müssen ihm beibringen, seine Hinterhand genauso leicht in Richtung steife Seite weichen zu lassen wie in Richtung hohle Seite, und wir müssen ihm beibringen, sein Gewicht genauso gut mit den den Beinen der hohlen Seite zu stützen, wie mit denen der steifen Seite, damit seine Wirbelsäule sich auf in Richtung steife Seite biegen kann. Dabei spielt das seitliche Schaukeln des Gewichts von einer Körperseite zur anderen eine Rolle.

Aus diesen Gründen wäre es zu stark vereinfachend zu sagen, dass man beispielsweise auf der einen Hand nur Schulterherein und auf der anderen nur Kruppeherein reiten sollte. Wir reiten alle Lektionen und Übungen auf beiden Händen, aber aus etwas anderen Gründen und vielleicht mit einer anderen Zielsetzung oder einem anderen Schwerpunkt.