Ansichten der alten Meister zur Geraderichtung

Die alten Meister betrachteten die natürliche Schiefe des Pferdes als größtes Hindernis für die Entwicklung von Gleichgewicht, Geschmeidigkeit, Versammlung, Schwung und “Gehorsam” (d.h. eine positive, arbeitswillige Einstellung gegenüber den Hilfen). Positiv formuliert bildet die Geraderichtung die Grundlage für Gleichgewicht, Geschmeidigkeit, Versammlung, Schwung und “Gehorsam”. Ohne Geraderichtung wird das Pferd in seiner Ausbildung nicht sehr weit kommen. Leider ist die Überwindung der Schiefe keine triviale Angelegenheit. Sie erfordert ständige Aufmerksamkeit, und wenn die Reiterin nicht jeden Tag an der Geraderichtung ihres Pferdes arbeitet, wird seine Schiefe allmählich wieder zunehmen. Das ist der Grund, warum der berühmte französische Reitmeister Jacques d’Auvergne (1729-1798) bezüglich der Schiefe des Pferdes sagte: “Der Reiter verbringt sein ganzes Leben damit, diesen Fehler durch die Vervollkommnung seiner Kunst zu beseitigen.”

Es ist interessant, dass trotz aller Meinungsverschiedenheiten zwischen François Baucher und seiner Schule auf der einen Seite und Gustav Steinbrecht und seinen Anhängern auf der anderen, beide Seiten sich einig waren bezüglich der Bedeutung der Geraderichtung für die Rittigkeit des Pferdes.

General Alexis F.L’Hotte (1895), der sowohl Schüler von François Baucher als auch dessen Gegenspieler Vicomte d’Aure war, schrieb: “Die Geraderichtung des Pferdes ist so wichtig, dass sie - ich sagte es bereits und sage es nun wieder - die Grundlage der klassischen oder savante Reitkunst bildet. Und die Geraderichtung ist die Krönung der Leichtigkeit.”

General Faverot de Kerbrech, ein weiterer berühmter Baucher Schüler, schrieb 1891: “Eine der sehr großen Schwierigkeiten allen Reitens besteht darin, das Pferd so konstant wie möglich korrekt gerade ausgerichtet zu arbeiten, das heißt jene Stellung zu erreichen und zu bewahren, in der Vorder- und Hinterhand gerade aufeinander gestellt sind. So schwer dies auch ist, es ist eine wesentliche Bedingung dafür, dass das Pferd im Gleichgewicht ist.”

De Kerbrech definiert Gleichgewicht als Leichtigkeit, mit der “der Reiter die Verteilung des Körpergewichtes des Pferdes auf dessen vier Beinen zu verändern imstande ist und ihm so verschiedene Einstellungen geben kann.” Er sagt: “Je flüssiger und mit je weniger Schwierigkeiten verbunden daher Verlagerungen des Gewichtes in alle Richtungen sind, umso vollkommener ist die Ausbalanciertheit des Pferdes.”

Man könnte analog dazu die Geraderichtung als die Fähigkeit des Pferdes definieren, seine Hüften und Schultern gleichermaßen leicht nach rechts und links zu bewegen und seine Wirbelsäule gleichermaßen leicht nach rechts und links zu biegen.

Die Fähigkeit, sein Gewicht von einer Körperseite zur anderen zu verlagern, ermöglicht dem Pferd, seine Hüften und Schultern nach rechts und links zu bewegen. Umgekehrt beinhaltet die seitliche Bewegung der Hüften oder Schultern eine Gewichtsverlagerung in die Bewegungsrichtung. Gleichgewicht und Geraderichtung sind daher sehr eng mit einander verwoben.

Oberst Waldemar Seunig, der als junger Offizier einige Zeit als Schüler sowohl nach Saumur als auch an die Spanische Reitschule in Wien kommandiert war, wies auf die enge Beziehung zwischen Geraderichtung und Durchlässigkeit hin (1949), die ebenfalls eng mit dem Gleichgewicht zusammenhängt: “Durchlässigkeit kann nur dann vorhanden sein, wenn einerseits Schub und Schwung der Hinterhand voll gegen die Vorhand, andererseits die belastenden und biegenden Zügelhilfen voll auf die gleichseitigen Hinterbeine wirken. Dazu müssen Vor- und Hinterhand so aufeinander gerichtet sein, daß das auf einfachem Hufschlag gehende Pferd sich stets mit seiner Längsachse der abzuschreitenden geraden oder gebogenen Hufschlaglinie anpaßt, und daher die Hinterbeine mit Spurdeckung folgen.”

Man könnte also sagen, dass es ohne Geraderichtung kein Gleichgewicht geben kann und ohne Geraderichtung und Gleichgewicht keine Durchlässigkeit. Die Hilfen würden dann nicht durchgehen.

Adolph Schmidt (1909) beschreibt die Ausrichtung der Wirbelsäule des funktional gerade gerichteten Pferdes sehr anschaulich: “Denken wir uns also das Pferd zwischen zwei parallel laufenden Mauern gestellt, die seine Hüften berühren, so müssen der Kopf und die Wirbelreihe genau in der Mitte zwischen diesen beiden Mauern getragen werden.”

Aus der Tatsache, dass Geraderichtung und Gleichgewicht die Voraussetzungen für Durchlässigkeit und “Gehorsam” bilden, kann man ableiten, dass ihr Gegenteil - Schiefe und Ungleichgewicht - zu Widerständen und potentiell zur Verweigerung der Kooperationsbereitschaft von Seiten des Pferdes führt.

Alexis L’Hotte (1895) erklärt: “Wenn die Hinterhand jedoch beim Geradeausreiten von der Linie abweicht, anstatt den Schultern zu folgen, wird man gleichzeitig sehen, wie folgendes verloren geht: die harmonische Beziehung, die zwischen den Kräften der Vorhand und den Kräften der Hinterhand existierte; die genaue Gewichtsverteilung; die Leichtigkeit, mit der man Richtungsänderungen vornehmen kann; und wie die Hanken in ihrer Opposition zu den Schultern eine Stütze bilden. Das Ergebnis besteht darin, dass das Pferd, wie ein Saiteninstrument seine Stimmung verliert.”

Brigadier Kurt Albrecht (1983) schreibt dazu: “Das Geradegerichtetsein ist die Seele der Rittigkeit – die Schiefe die gefährliche Ausgangsbasis aller Widersetzlichkeiten.”

Da die Geraderichtung eine Voraussetzung für Gleichgewicht, Leichtigkeit und Durchlässigkeit bildet, ist es sinnvoll, von Anfang an an ihr zu arbeiten, wie Faverot de Kerbrech (1891) explizit fordert: “Vom ersten Tag an muss man sich darauf konzentrieren, das Pferd gerade auszurichten, das heißt Vorder- und Hinterhand korrekt aufeinander eingestellt zu behalten.”

Paul Plinzner (1888), der Gustav Steinbrecht’s Manuskript des “Gymnasiums des Pferdes” zur Publikation bearbeitete und sogar die Kapitel über den Galopp und die hohe Schule beisteuerte, stimmt Faverot de Kerbrech zu: “Sobald die jungen Pferde dahin gebracht sind, daß sie im Schritt und Trabe auf der ganzen Bahn mit tiefen Nasen willig hinter einander hergehen, muß sogleich daran gedacht werden, die Nachhand und Vorhand in der Direktion der Bewegung genau auf einander einzurichten, weil nur dann die volle Entwickelung der Schiebkraft gegen die Hand erreicht werden kann. Von Natur aus ist das junge Pferd unter dem Reiter stets geneigt, mit einem Hinterfuße, meistens dem rechten, statt gerade vor, seitwärts zu treten. In der eingeschlossenen Bahn kommt hierzu der Umstand, daß das junge Pferd, seinem Instinkte überlassen, sich mit Schulter und Hüfte gleich weit von der Bande entfernt hält, und dadurch bereits in eine schiefe Richtung versetzt wird, weil jedes Pferd in den Hüften breiter ist, als in den Schultern. Es muß daher, zumal auf der rechten Hand, von vorneherein das Streben des Reiters sein, durch angemessene Verlegung des Gewichtes und Wirkung beider Hände nach Innen die auswendige Schulter von der Bande zu entfernen.”

Plinzner’s Lehrer, Gustav Steinbrecht (1884), der sowohl Tierarzt als auch Pferdeausbilder war, fügt einen weiteren wichtigen Gesichtspunkt hinzu: “Gewaltsame Aufrichtung der Vorhand, harte Paraden und vor allem Gangarten in schiefer Richtung des Pferdes, wobei also ein Hinterbein statt unter die Last, seitwärts von ihr tritt, sind unfehlbare Ursachen zur Schädigung der Sprunggelenke.” Der durch die Schiefe verursachte Gleichgewichtsverlust führt zu Verspannungen und übermäßiger Belastung der Sehnen und Gelenke, da das Hinterbein der hohlen/konkaven Seite die Last nicht genügend stützt, sodass das Hinterbein der steifen/konvexen Seite über Gebühr beansprucht wird und das Vorderbein der steifen Seite den größten Lastanteil stützen muss. Die beiden Beine der steifen Seite sind daher anfälliger für Verletzungen als die Beine der hohlen Seite.

Ich finde diese kleine Zitatensammlung aus der klassischen Literatur in mehrerer Hinsicht interessant. Sie gibt uns einen Eindruck von den komplexen Beziehungen zwischen Geraderichten, Gleichgewicht, Durchlässigkeit, Gesundheit und “Gehorsam”. Sie zeigt uns gleichzeitig, dass es trotz aller Meinungsverschiedenheiten zwischen François Baucher und seinen deutschen Kollegen auch viele Gemeinsamkeiten zwischen ihnen gab, da die Gesetze der Physik eben überall in gleicher Weise gelten.

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